Kritischer Rationalismus Beispiel Essay

Der Kritische Rationalismus ist eine von Karl Popper begründete 
philosophische Denkrichtung. Popper beschreibt ihn als Lebens-einstellung, „die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden“.[1] Kennzeichnend ist ein vorsichtig optimistischer Blickwinkel auf Leben und Dinge, der in den Buchtiteln Alles Leben ist Problemlösen[2] und Auf der Suche nach einer besseren Welt[3] seinen Ausdruck findet.

Der Kritische Rationalismus setzt sich mit der Frage auseinander, wie wissenschaftliche oder gesellschaftliche (aber prinzipiell auch alltägliche) Probleme undogmatisch, planmäßig (‚methodisch‘) und vernünftig (‚rational‘) untersucht und geklärt werden können. Dabei sucht er nach einem Ausweg aus der Wahl zwischen Wissenschafts-gläubigkeit (Szientismus) und der Auffassung, dass wissenschaftliches Wissen auf positiven Befunden aufbauen muss (Positivismus) auf der einen Seite, sowie andererseits dem Standpunkt, dass Wahrheit vom Blickwinkel abhängig ist (Relativismus) und dass Wissen der Willkür preisgegeben ist, wenn Beweise unmöglich sind (Wahrheits-skeptizismus).

Der Kritische Rationalismus übernimmt die im Alltagsverstand selbstverständliche Überzeugung, dass es die Welt wirklich gibt, und dass sie vom menschlichen 
Erkenntnis­vermögen unabhängig ist (Realismus). Das bedeutet beispielsweise, dass sie nicht zu existieren aufhört, wenn man die Augen schließt. Der Mensch aber ist in seiner Erkenntnisfähigkeit dieser Welt durch seine Wahrnehmung begrenzt, so dass er sich keine endgültige Gewissheit darüber verschaffen kann, dass seine Erfahrungen und Meinungen mit der tatsächlichen Wirklichkeit übereinstimmen (Kritischer Realismus). Er muss daher davon ausgehen, dass jeder seiner Problemlösungsversuche falsch sein kann (Fallibilismus). Das Bewusstsein der Fehlbarkeit führt einerseits zu der Forderung nach der ständigen kritischen Prüfung von Überzeugungen und Annahmen, andererseits zum methodischen und rationalen Vorgehen bei der Lösung von Problemen (Methodischer Rationalismus).

Der Kritische Rationalismus fragt also zum Beispiel nicht, wie man eine naturwissenschaftliche Theorie beweisen kann, sondern wie man herausfinden kann, ob und wo sie fehlerhaft ist, und was man tun sollte, wenn man einen Fehler gefunden hat (Falsifikationismus). Ein starkes Argument dafür, die Suche nach Beweisen für eine Theorie aufzugeben, ist die Ablösung der Gravitationstheorie von Isaac Newton durch die Relativitätstheorie
von Albert Einstein. Newtons Theorie war nach ihrer Entdeckung 200 Jahre lang durch Beobachtung immer wieder ausnahmslos bestätigt worden. Hätte man also überhaupt von einer bewiesenen naturwissenschaftlichen Theorie sprechen können, dann wäre es mit großem Abstand die newtonsche gewesen. Dennoch ließ sich Einstein nicht davon abhalten, die Richtigkeit dieser Theorie anzuzweifeln und ihr eine eigene Theorie gegenüberzustellen. Newton hatte dieser neuen Theorie zufolge zwar auf einem beschränkten Bereich näherungsweise recht gehabt, außerhalb dieses Bereichs war seine Theorie aber fehlerhaft und verbesserungsbedürftig. Sie wäre dann also nicht mehr als Beispiel für eine sichere Theorie zu sehen, sondern eher als Beispiel für die grundsätzliche Fehlbarkeit auch des am sichersten geglaubten menschlichen Wissens. Statt seinerseits nun zu behaupten, Verfahren zum Beweis der eigenen Theorie angeben zu können, schlug Einstein anspruchsvolle Experimente zu ihrer Überprüfung vor und gab an, unter welchen Gegebenheiten er sich gezwungen sehen würde, sie wieder zu verwerfen.

Die von Einstein empfohlene Herangehensweise deutet an, wie wissenschaftliche Probleme mittels Versuch und Irrtum gelöst werden können: Hätte seine Theorie die vorgeschlagenen Prüfungen nicht bestanden, so hätte man eine andere ausprobieren können. Vor Einsteins Revolution der Physik war die Ansicht weit verbreitet, dass Beweise von wissenschaftlichen Theorien durch die Methode der Induktion möglich seien. Das ist die Verallgemeinerung eines Sachverhalts ausgehend von einzelnen Beobachtungen. Die wissenschaftstheoretischen
Grundaussagen des kritischen Rationalismus sind daher die Verneinung der Möglichkeit einer solchen Induktionsmethode und der Gegenvorschlag der Methode der Falsifikation
. Das ist der Versuch, durch Experimente und Beobachtung Gegenbeispiele zu finden.

Der Standpunkt des Kritischen Rationalismus zur Politik ist seinem Standpunkt zur Wissenschaft sehr ähnlich. Hier ist nicht ausschlaggebend, wie man im Voraus den besten Herrscher findet oder was man tun sollte, um für ideale Verhältnisse zu sorgen. Stattdessen ist viel wichtiger, wie schlechte Herrscher unblutig abgesetzt und Missstände beseitigt werden können.

Ebenso verzichtet er auf dem Gebiet der Ethik und der Gesellschaft auf eine Begründung für Normen und konzentriert sich stattdessen auf die Frage, wie schlechte Regeln erkannt und verbessert werden können. Ethik ist für den Kritischen Rationalismus also das Problemlösen auf sozialem Gebiet. Auch hier fordert er ein kritisch-rationales Vorgehen und den Verzicht auf jegliches Dogma. Wie in der Wissenschaft findet man neue, bessere Lösungen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Um schwerwiegende negative Auswirkungen von Versuchen in diesem Bereich zu vermeiden, spricht sich der Kritische Rationalismus für eine Politik der kleinen Schritte („piecemeal-engineering“ – „Stückwerkstechnik“) aus.

In jedem dieser Bereiche wendet der Kritische Rationalismus also das Prinzip der Kritik an, das auf Beobachtung, Überprüfung auf Selbstwidersprüche, Widersprüche zu empirisch-wissenschaftlichen Theorien sowie auf der Erfolgskontrolle hinsichtlich des zu lösenden Problems basiert. So räumt er Kreativität, Phantasie und Staunen über die Welt einen Stellenwert ein, der sich deutlich von dem traditionellen Bild der strengen Sterilität der Wissenschaft distanziert. Sie wird nicht als eine stetige Anhäufung von unfehlbaren Wahrheiten verstanden, andererseits aber auch nicht als Bau von Luftschlössern. Aus der Sicht des Kritischen Rationalismus ist sie vielmehr ein großes Abenteuer und eine spannende Entdeckungsreise.

Mit seiner Grundauffassung, dass alle Menschen fehlbar sind, wendet sich der Kritische Rationalismus gegen alle Positionen, die von der Möglichkeit einer Letztbegründung (beispielsweise im Hinblick auf moralische Normen) ausgehen. Er befürwortet eine offene pluralistische Gesellschaft, die tolerant gegenüber allen friedlichen Menschen ist, die Konflikte durch rationale Diskussion und mit Hilfe der aufrichtigen Wahrheitssuche löst; in der die Menschen frei sind, ihrem Leben einen individuellen Sinn zu geben und ihren Weg in einer offenen Zukunft suchen zu können. Dies aber nicht verstanden als gesellschaftliche Utopie, sondern als Verteidigung der real existierenden westlichen Demokratien gegen zynischen Gegenwartspessimismus ebenso wie gegen real existierende totalitäre Staaten. In diesem Sinne bekämpft er jede Form von Bevormundung durch Autoritäten, Intoleranz und Ideologie, 
Totalitarismus und Irrationalismus.

Der Kritische Rationalismus wurde von Karl Popper im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Wissenschaftstheorie und Sozialphilosophie begründet. (Er führte diese Bezeichnung 1944 in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde ein,[4] entwickelte grundsätzliche Inhalte jedoch bereits in seinen früheren Werken.) Seine umfassendste Darstellung hat er in Objektive Erkenntnis erarbeitet.

Daneben gibt es divergierende Abwandlungen, die sich zum Teil grundlegend unterscheiden.[5][6] William W. Bartley setzte sich in Flucht ins Engagement mit der Frage auseinander, ob der Kritische Rationalismus seinen eigenen Ansprüchen genügt, wenn er auf sich selbst angewendet wird, und somit ohne 
Integritätsverlust akzeptiert werden kann. Hans Albert hat ihn für die Sozial- und Geisteswissenschaften weiterentwickelt und ihn in seinem Traktat über kritische Vernunft systematisch ausgearbeitet. Reinhold Zippelius hat ihn als grundsätzliche Methode des juristischen Denkens übernommen und entwickelt. Ein zeitgenössischer Vertreter, der die Ansätze von Popper und Bartley verbindet, weiterentwickelt und sich mit Kritik auseinandersetzt, ist David Miller. Diese Positionen stehen der von Popper am nächsten.

Joseph Agassi hat sich mit Grundfragen zur Rationalitätsauffassung befasst, löste sie aber in anderer Weise als Bartley. Imre Lakatos entwarf eine stark abgewandelte, konservative Form des Kritischen Rationalismus, die mehr auf den Schutz des harten Kerns einer Theorie ausgerichtet ist. Varianten mit Elementen der klassischen Rechtfertigungsstrategie entwickelten John W. N. Watkins
und Alan Musgrave. Adolf Grünbaum und Wesley C. Salmon vertraten Abwandlungen mit induktivistischen Elementen. Gerhard Vollmer hat versucht, den kritischen Rationalismus mit dem Naturalismus zu verbinden.

Das weltanschauliche Spektrum unter den Anhängern des Kritischen Rationalismus reicht von rigorosen Anhängern von Atheismus, Religionskritik und der Skeptikerbewegung wie Michael Schmidt-Salomon und Bernulf Kanitscheider
bis zu dem Opus-Dei-Priester Mariano Artigas (1938–2006). Popper vertrat Gläubigen gegenüber einen respektvollen Agnostizismus;[7][8][9] Bartley schloss sich den Lehren von Werner Erhard an, dem Gründer des umstrittenen 
EST (Erhard Seminar Training).[10]

Kritischer Realismus

Der Realismus ist die dem subjektiven Idealismus widersprechende 
metaphysische Theorie, dass eine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit existiert. Während der naive Realismus davon ausgeht, dass die Welt so ist, wie der Mensch sie wahrnimmt, vertritt der kritische Realismus die Auffassung, dass Vorstellungen von ihr durch subjektive Elemente, die in der Wahrnehmung und im Denken liegen, mehr oder weniger stark beeinflusst werden. Weil die Sinne und die Verarbeitungsprozesse im Gehirn der angenommenen Außenwelt und der Vorstellung zwischengeschaltet sind, kann man auch vom indirekten Realismus sprechen. Dieser Vermittlungsvorgang schließt eine „reine Wahrnehmung“ aus, denn es kann sich um Täuschungen handeln.

Der Kritische Realismus ist keine ontologische Annahme, die der Wissenschaft vorausgeht, sondern er ist eine metaphysische Konsequenz aus den empirisch-wissenschaftlichen Theorien.[11][12][13] (Gegen antirealistische Tendenzen bei der Quantentheorie argumentierte Popper mit einer von ihm selbst aufgestellten und weiterentwickelten realistischen Interpretation.) Er ist aber nicht nur kosmologisch (eine äußere Welt existiert) zu verstehen, sondern auch erkenntnistheoretisch: Indem der Mensch im Rahmen einer Falsifikation einen Irrtum feststellt und ihn korrigiert, nähert er sich der Erkenntnis der Wirklichkeit an. Er wird zwar nie wissen, ob oder inwieweit er sich ihr angenähert hat, aber die Ablösung eines Irrtums durch eine bessere Erklärung bedeutet eine bessere Kenntnis darüber, wie die Welt wirklich ist.

Davon unabhängig gibt es auch eine Position im Universalienstreit, die Realismus heißt. Diese Position geht davon aus, dass Allgemeinbegriffen eine wirkliche Existenz zukommt. Konkret ist das beispielsweise die Behauptung, dass es wahre Kunst, den wahren Menschen oder den wahren Staat gibt. Diese Position lehnt der Kritische Rationalismus strikt ab, da sie im Zusammenhang mit der Behauptung steht, dass Dinge essentielle Eigenschaften und Begriffe ein Wesen, eine Natur oder einen Kern haben, der nicht verändert werden kann. Popper nennt sie zur Vermeidung von Missverständnissen Essentialismus. Der Essentialismus äußert sich im „Denken in Begriffen“ und in Fragen, die mit „Was ist“ beginnen, z. B. „Was ist der Staat?“ oder „Was ist Leben?“ Sie müssen nach Popper durch eine Diskussion von Problemen ersetzt werden, beispielsweise „Wie sehr sollte sich der Staat in die privaten Angelegenheiten der Bürger einmischen?“ oder „Sollten Abtreibungen bestraft werden?“ Popper selbst vertrat erst den Nominalismus, für den Begriffe reine konventionelle Mittel zur Abkürzung sind. In seinem metaphysischen Spätwerk bekannte er sich zu einem modifizierten Essentialismus, der zugesteht, dass in einem Entwicklungsvorgang von Generation zu Generation immer einige Eigenschaften vererbt werden und so erhalten bleiben, und dass manche Eigenschaften einer stärkeren Selektion unterworfen sind als andere. Er lehnte jedoch die Auffassung ab, dass es unter diesen Eigenschaften einen Kern gibt, der in besonderer, prinzipieller Weise von der Veränderung ausgenommen ist.

Fallibilismus

Das Ziel, mit Theorien zutreffende Aussagen zu machen, führt zu der Frage nach der Erkennbarkeit der Wirklichkeit. Dabei geht der Kritische Rationalismus davon aus, dass es aufgrund der logischen Eigenschaften aller Wahrheitstheorien nicht möglich ist, eine gesicherte Wahrheitsbegründung zu geben. Denn jeder Versuch, die Wahrheit einer Aussage nachzuweisen, führt entweder in einen unendlichen Regress, einen logischen Zirkel oder zu einem Abbruch des Beweisverfahrens, oft mit dem Hinweis auf die Evidenz der Aussage (siehe Münchhausen-Trilemma). Jeder solche Abbruch bedeutet, dass keine strenge Wahrheitsbegründung stattgefunden hat.

Die Lösung des Kritischen Rationalismus geht davon aus, dass Wissen stets nur ein hypothetisches Wissen, ein vermutendes (konjekturales) Wissen ist, dem die klassische Bestimmung der Wahrheit als Übereinstimmung einer Aussage mit einer Tatsache zugrunde liegt. Wahrheit kann dabei, in Anlehnung an Alfred Tarski, nicht durch ein Kriterium definiert werden; dennoch ist der semantische Gebrauch des Begriffs ‚Wahrheit‘ in der normalen Sprache, also die Wahrheit als Übereinstimmung mit den Tatsachen, bei jedem konkreten Anwendungsfall unproblematisch.

Trotz der Schlussfolgerung, dass man nie wissen kann, ob man die absolute Wahrheit gefunden hat, hält der Kritische Rationalismus an ihrer Existenz fest und lehnt den Relativismus, also die Abhängigkeit der Wahrheit vom Blickwinkel, ab. Man kann also die Wahrheit gefunden haben und einen wahren Satz aussprechen, aber man kann nicht beweisen, dass er wahr ist. Das trifft für alltägliche Behauptungen ebenso zu wie für die Theorien der Wissenschaft.

Der Kritische Rationalismus sieht jedoch die fehlende Sicherheit einer Behauptung noch nicht – wie etwa der Wahrheitsskeptizismus – als notwendigen Grund zum Zweifel an ihrer Wahrheit an. Er argumentiert gegen den Wahrheitsskeptizismus mit dem Einwand, dass es rational sinnvoll ist, eine Theorie versuchsweise als wahr zu akzeptieren, wenn man sie kritikoffen vertritt und gegen ihre Haltbarkeit (bisher) keine Argumente gefunden wurden. Denn ohne Theorien sind selbst die alltäglichsten Probleme nicht lösbar. Dazu kommt, dass Falschheit nichts fatales ist: Die falsche Theorie kann dennoch viele wahre Konsequenzen haben oder Erklärungen liefern, die für die Praxis hilfreich sind.

Diese Sicht führt außerdem zu einem Theorienpluralismus, da es meist mehrere Alternativen gibt, die nach dem Stand der Diskussion akzeptabel sind und ausprobiert werden können. Rational ist es, bestehende Theorien in genügendem Umfang kritisch zu hinterfragen und die Notwendigkeit einer Erfahrungskontrolle immer im Auge zu behalten. An die Stelle des Beweisdenkens tritt die Idee der kritischen Prüfung. – „Look before you leap!“[14]

Darauf aufbauend kann man auch Elemente des Empirismus, des Naturalismus und des Konstruktivismus in den Kritischen Rationalismus integrieren. So ist es vernünftig, Wahrnehmungsurteile als Hypothesen aufzufassen, die in der Regel wahr sind, solange man in Rechnung stellt, dass es Umstände der Wahrnehmungstäuschungen gibt. Hier unterscheidet sich der Kritische Rationalismus nicht vom Alltagsverstand. Wahrnehmung ist also ein sehr unproblematisches Element, und selbst wenn sie einmal zu unschlüssigen Ergebnissen führt, ist eine Klärung meist unkompliziert. Auch wenn Wahrnehmungsurteile einmal im Nachhinein problematisch werden, bleiben sie immer durch weitere Wahrnehmung überprüf- und revidierbar.

Die unproblematische Wahrnehmungsbasis ist zentral für den Kritischen Rationalismus, denn ohne sie wären Annahmen über die Wirklichkeit keiner Kontrolle unterworfen. Dass sie unproblematisch ist, bleibt jedoch nicht unhintergehbar: Es lässt sich mit der evolutionären Anpassung der Sinnesorgane des Menschen an seine Umwelt sehr gut naturalistisch erklären (siehe Evolutionäre Erkenntnistheorie). Ebenso ist es dem Kritischen Rationalismus möglich, die konstruktivistische These zu akzeptieren, dass der Mensch die Naturgesetze nicht quasi im ‚Buch der Natur‘ liest, sondern dass er sie erfindet und, wie Kant sagte, sie der Natur vorschreibt. Naturgesetze sind Hypothesen über die Welt, die stets einer kritischen Überprüfung bedürfen.

Skeptizismus

Über den Fallibilismus hinaus beinhaltet der Kritische Rationalismus auch den Erkenntnisskeptizismus. Der Fallibilismus besagt nur, dass die Wahrheit einer Aussage nicht begründet werden kann. Der Erkenntnisskeptizismus geht noch weiter und behauptet, dass sogar das Fürwahrhalten einer Aussage nicht begründet werden kann. Daraus darf jedoch nicht auf den Wahrheitsskeptizismus geschlossen werden: Es folgt nicht, dass an der Wahrheit alles Fürwahrgehaltenen gezweifelt werden muss oder dass es gar verboten ist, etwas für wahr zu halten oder als wahr zu beurteilen.

Popper stimmte mit Bartley und Miller überein, dass es niemals gute, positive Gründe dafür geben kann, etwas zu glauben: Gute Gründe existieren nicht; wenn sie existieren würden, wären sie nutzlos; und sie werden für Rationalität auch nicht benötigt.[15] (Zwar interpretierte Popper den Grad der Bewährung – der Grad, in dem eine Behauptung der Kritik standgehalten hat – als Maß der Rationalität der versuchsweisen Annahme einer Vermutung,[16] aber nach Bartley müssen diese Passagen ignoriert werden, wenn die Stimmigkeit des Gesamtzusammenhangs gewahrt bleiben soll.[17] Bewährung muss als erkenntnistheoretisch völlig irrelevant angesehen werden.[18]) Rationale Argumente hingegen sind unabdingbar, sind aber immer negativ und kritisch (‚Negativismus‘).[19] Ob man eine Annahme oder ein Argument akzeptiert, ist immer eine freie Willens- und Gewissensentscheidung, und kann argumentativ nicht erzwungen werden. Rationalität liegt darin, eine erfolgreich kritisierte Annahme zu verwerfen.[20]

Fehlende gute Gründe machen jedoch eine Annahme nicht rein willkürlich. Denn eine wechselseitige Kontrolle von Vermutungen untereinander ist möglich (‚Checks and Balances‘).[21] Zur Akzeptanz gehört immer der Verwurf von Alternativen. Dieser negative Verwurf wird aber nicht zum positiven Grund für die Akzeptanz: Es ist ebenso rational, eine neue Alternative zu erdenken. Es ist auch sinnvoll, gar keine Alternative zu akzeptieren, wenn sie alle für das zu lösende Problem uninteressant sind. Akzeptanz ist eine kritische Bevorzugung, ein fehlbares, aber auch kritisier- und revidierbares Urteil, mit dem man festlegt, was man versuchsweise für wahr hält. Jedes Urteil ist demnach ein Vorurteil.

Der Kritische Rationalismus verwirft also die klassische Vorstellung, dass es Verfahren gibt, mit denen Wissen begründet (gewiss, akzeptabel, annehmbar, fest, verlässlich, vertrauenswürdig, glaubwürdig, wahrscheinlich oder zuverlässig gemacht, gerechtfertigt, bewiesen, erkannt, verifiziert, garantiert, verbürgt, bestätigt, fundiert, gestützt, legitimiert, auf Evidenz gegründet, etabliert, gesichert, verteidigt, validiert, autorisiert, vindiziert, gestärkt oder am Leben erhalten) werden kann, und dass Vernunft sich durch den Gebrauch solcher Verfahren auszeichnet. Logik ist demnach ein „Organon der Kritik“, nicht ein Instrument zur positiven Begründung oder Rechtfertigung.

Logik

Hans Albert hat einen Katalog von Grundsätzen der Logik aufgestellt, der mit einfachen Grundaussagen hilft, die Plausibilität von Aussagen und Theorien zu überprüfen und zu beurteilen.[22] Diese Grundsätze bestehen nach Albert unabhängig von der Philosophie des Kritischen Rationalismus; ihre Verwendung entspricht aber dem Geist seiner Weltsicht und sie vermitteln ein Stück Lebensweisheit, das auch ohne tiefere Kenntnis der Logik anwendbar ist.

Aus Wahrem kann nur Wahres folgen.

Das Grundprinzip der Deduktion, dass bei einem wahren Obersatz und einer wahren Prämisse die Wahrheit in die Konklusion übertragen wird. Wichtig für Wissenschaft und Alltagsdenken ist der Umkehrschluss: Folgt etwas Falsches, muss mindestens eine der Prämissen (bzw. der Obersatz) falsch sein.

Aus Falschem kann auch Wahrheit folgen.

Logisch können falsche Annahmen zu einem Schluss führen, der eine wahre Aussage macht. Auch wenn Vorhersagen einer Theorie richtig sind, kann also die Theorie selbst falsch sein. Dieser Sachverhalt ergänzt auf logischer Ebene den Fallibilismus. Er verbietet zudem, von zutreffenden Vorhersagen einer Theorie auf das Zutreffen der Theorie selbst zu schließen. Umgekehrt erklärt er, warum eine falsche Theorie keine schlechte Theorie sein muss und warum daher der Fallibilismus nicht ad absurdum geführt wird durch das von ihm prognostizierte unumgängliche Falschheitsrisiko von Theorien.

Aus jeder Theorie folgen unendlich viele Sätze.

Auch dieser Satz harmoniert mit dem Fallibilismus. Da das Wissen des Menschen endlich ist, kann er nicht wissen, ob eine Theorie zu einer Aussage führt, die sich als falsch erweist und damit die Theorie falsifiziert.

Für die Erklärung von Beobachtungen gibt es unendlich viele Theorien.

Wenn eine Tatsache durch eine Theorie zureichend erklärt wird, darf man dennoch nicht davon ausgehen, dass die Theorie die beste Erklärung liefert. Es kann eine bessere geben.

Aus Widersprüchen folgen beliebige Behauptungen.

Jeder Hinweis auf einen Widerspruch in einer Theorie ist eine Aufforderung, eine neue, widerspruchsfreie Theorie zu finden. Dialektik in diesem Sinne verstanden ist ein Prinzip zur Ausräumung von Widersprüchen.

Nur gehaltvolle Aussagen enthalten Informationen.

Je höher der Gehalt einer Aussage ist, das heißt je konkreter sie sagt, was sie ein- und was sie ausschließt, umso besser kann sie überprüft werden.

Es gibt keine gehaltserweiternden Schlüsse.

Mit Hilfe der Logik kann man kein zusätzliches Wissen erwerben. Daher können induktive Schlüsse, die von wenig Wissen auf viel Wissen schließen, keine logischen Schlüsse sein. Sie haben höchstens heuristischen Wert und sind nicht zwingend.

Falsifikationismus

Wesentlichen Einfluss auf den Kritischen Rationalismus hatte die Auseinander-setzung Poppers mit der Wissenschaftstheorie des Logischen Empirismus. Ausgehend vom Positivismus Machs und der Analytischen(Sprach-)Philosophie
der Mathematiker Frege und Russell versuchten die Mitglieder des Wiener Kreises eine Philosophie auf der Grundlage von Sprachanalyse und Logik im Rahmen eines physikalistischenWeltbildes zu entwickeln. Ziel war der Aufbau einer Einheitswissenschaft. In dieser sollte Wissenschaftstheorie als Theorie der Wissenschaftssprache fungieren. Sätze der Philosophie, die nicht analytisch (Logik und Mathematik) oder empirisch (‚positive‘ Wissenschaften) sind, müssen nach dem Logischen Empirismus als Scheinprobleme angesehen werden, sind also nicht wissenschaftlich. Empirische Sätze müssen auf Protokollsätze reduzierbar
sein. Dies sind grundlegende Erfahrungs- und Beobachtungssätze in der formalen Struktur der zu entwickelnden Wissenschaftssprache. Nur Aussagen, die in diesem Rahmen verifiziert bzw. bestätigt werden können, erfüllen die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für sinnvolle Tatsachenaussagen.

Popper beschritt einen anderen Weg. Er vertrat die Auffassung, dass es eine Hauptaufgabe der Philosophie sei, den für den Positivismus charakteristischen Glauben an die Autorität der Beobachtung kritisch zu hinterfragen.[23] Die Grundidee, dass selbst die sicherste Theorie falsch sein könnte, führte ihn dazu, der Induktion und der Verifizierbarkeit einerseits das Prinzip der Falsifikation entgegenzusetzen (Suche nach Fehlern, nicht nur nach neuen Verifikationen) und andererseits das Kriterium der Falsifizierbarkeit (nur falsifizierbare Theorien sind erfahrungswissenschaftlich).

Sind alle Schwäne weiß? Die klassische Sicht der Wissenschaftstheorie war, dass es Aufgabe der Wissenschaft ist, solche Hypothesen zu „beweisen“ oder aus Beobachtungsdaten herzuleiten. Das erscheint jedoch schwer möglich, da dazu von Einzelfällen auf eine allgemeine Regel geschlossen werden müsste, was logisch nicht zulässig ist. Doch wenn wir einen schwarzen Schwan finden, können wir logisch folgern, dass die Aussage, alle Schwäne seien weiß, falsch ist. Der Falsifikationismus strebt somit nach einem Hinterfragen, einer Falsifizierung, von Hypothesen statt des Versuchs eines Beweises.

Induktionsproblem

Der Induktivismus geht von der Annahme aus, dass durch eine genügende Anzahl von Beobachtungen im Wege der Schlussweise der Induktion, das heißt nach dem Schema

Dieser Schwan ist weiß
_______________________
Daher sind alle Schwäne weiß

oder:

Alle bekannten Schwäne sind weiß
________________________
Daher sind alle Schwäne weiß

Oder in einer konkreten Anwendung in der Physik:

Gegenstände fallen herunter, weitere Beobachtungen …
________________________
Daher gilt allgemein das Gravitationsgesetz

Allgemeine Aussagen über einen Gegenstandsbereich gemacht werden können, die einen Gesetzescharakter haben. Die induktive Schlussweise ist also logisch betrachtet der Schluss von einem Fall und einem Resultat auf eine Regel. Der Schluss ist synthetisch (der Übergang von der Annahme zur Schlussfolgerung vergrößert den Aussagegehalt) und damit logisch nicht zwingend. Die Vertreter des logischen Empirismus waren der Auffassung, dass solche Sätze dennoch sinnvoll sind, wenn die gewonnene Theorie (als nomologische Hypothese) durch Protokollsätze bestätigt werden kann. Von den Protokollsätzen wurde gefordert, dass sie den strengen Anforderungen einer Wissenschaftssprache entsprechen. Die Bestätigung einer Theorie durch Protokollsätze galt dann als Verifikation der Theorie.

Bereits Galileihatte das Induktionsprinzip abgelehnt.[24]Humezeigte in einer ausführlichen Kritik, dass ein logischer Nachweis der Induktion nicht möglich ist. Hume hatte demgemäß die Auffassung vertreten, dass das Prinzip der Kausalität auf menschlicher Gewohnheit beruht, der zu folgen nützlich sei. Auch Albert Einstein lehnte die Induktion ab. Sein Standpunkt war die Motivation für Popper, sich intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen und aufzuzeigen, dass allgemeine empirische Sätze oder Theorien nicht verifiziert, sondern nur falsifiziert werden können. Das Konzept der Protokollsätze ist mit dem Problem behaftet, dass sie bereits Theorien voraussetzen (sie sind ‚theoriegeladen‘), so dass die Begründung mit Hilfe von Protokollsätzen in einen Zirkel führt. Die mit der Induktion verbundene Problematik ist in der Wissenschaftstheorie weitgehend akzeptiert. So Wolfgang Stegmüller: „Entweder ist ein Schluss korrekt; dann ist er zwar wahrheitskonservierend, aber nicht gehaltserweiternd. Oder aber er ist gehaltserweiternd; dann haben wir keine Gewähr dafür, dass die Konklusion wahr ist, selbst wenn sämtliche Prämissen richtig sind.“[25]

Popper betrachtete Induktion jedoch nicht nur als unbegründet, sondern als gar nicht existent: Es gibt aus seiner Sicht in Wirklichkeit eine Verallgemeinerung von Einzelfällen auf allgemeine Sätze überhaupt nicht – es handelt sich um eine Illusion. Die Verallgemeinerung, also die Theorie, muss (möglicherweise unbewusst) bereits vorhanden sein, bevor eine Beobachtung überhaupt möglich wird. Induktion wird im Kritischen Rationalismus also nicht abgelehnt, weil sie unbegründet ist, sondern weil die Annahme, dass es so etwas wie einen Induktions- oder Verallgemeinerungsschluss überhaupt gibt, deduktiv widerlegt werden kann. Ein Induktionsprinzip ist demnach selbst bei Hypothesenbildung nicht vorhanden: Bei dem Übergang von „Dieser Schwan ist weiß“ zu „Daher sind alle Schwäne weiß“ stehen im Hintergrund Theorien über die weiße Farbe und über Schwäne. Entweder diese enthielten zusammen bereits die Eigenschaft – dann handelt es sich schlicht um zwei hintereinandergeschriebene deduktive Konsequenzen daraus – oder, wenn sie diese nicht enthielten, dann wurde sie beim Übergang zu den Theorien hinzugefügt und die Bedeutung von „weiß“ und „Schwan“ hat sich damit unsystematisch verändert. Die Illusion einer systematischen Induktionsregel ergibt sich dabei nur aus der Verwendung gleicher Wörter.

Auch wenn die Induktion kein strenger logischer Schluss ist, könnte sie zumindest strenge Schlüsse über Wahrscheinlichkeiten ermöglichen. Der Logische Empirismus, insbesondere Rudolf Carnap, vertrat eine solche Interpretation der Induktion. Aus diesem Blickwinkel ist diejenige Theorie die rationalste Wahl, die bei gegebener Beobachtungsbasis (Evidenzmaterial) die höchste induktive Wahrscheinlichkeit hat. Popper vertrat in der Logik der Forschung den Standpunkt, dass es keine Wahrscheinlichkeitsinduktion gibt und dass alle Theorien grundsätzlich nur die logische Wahrscheinlichkeit {\displaystyle 0}0 haben können. In mehreren nacheinander angefügten Anhängen des Buchs versuchte er ausführlich, die These der Möglichkeit eines wahrscheinlichkeitstheoretischen Induktionsprinzips selbst unter der in seinen Augen nicht gerechtfertigten Annahme zu widerlegen, dass bei Theorien Wahrscheinlichkeiten größer {\displaystyle 0}0 existieren. 1983 veröffentlichte er zusammen mit David Miller einen letzten „ganz einfachen Beweis“,[26] bei dem er zu zeigen versuchte, dass deduktive Zusammenhänge jede wahrscheinlichkeitsbasierte Induktion logisch untergraben.[27] Dieser Beweis hat eine Kontroverse ausgelöst.

Die Falsifikation ist Poppers Versuch, ohne Induktions- oder Regelmäßigkeitsprinzip auszukommen, und dabei gleichzeitig zu vermeiden, auf ein solches in verdeckter Form zurückzugreifen. Die Grundidee ist, dass Regelmäßigkeiten in der Natur zwar vorhanden sein müssen, damit die Falsifikation Ergebnisse liefert, dass man jedoch auf die Annahme verzichten kann, dass sie vorhanden sind: Für den gedachten Fall, dass es keine Regelmäßigkeiten in der Natur gibt, liefert die Falsifikation kein Ergebnis, da dann jede Hypothese falsifiziert wird, die Regelmäßigkeiten vorhersagt. Die Induktion hingegen erzeugt in einer solchen Situation falsche Ergebnisse.[28] Popper führte statt eines Regelmäßigkeitsprinzips die methodologische Regel ein, dass Naturgesetze stets orts- und zeitpunktunabhängig formuliert werden sollen. Die Falsifikation beseitigt auch das Zirkelproblem, das die Verifikation mit der theoriegeladenen Beobachtung hat. Denn die Theorie wird nicht benutzt, um Beobachtungssätze zu bilden, die sie wiederum bestätigen sollen, sondern um aus der Annahme, dass sie wahr ist, einen Widerspruch herzuleiten. Dies ist möglich durch eine fundamentale Asymmetrie in der deduktiven Logik, die Popper die „Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation“ nennt.

Ähnlich wie bei dem Induktionsprinzip eliminiert Popper auch weitere metaphysische Voraussetzungen, die aus positivistischer Sicht für die empirische Wissenschaft unverzichtbar sind (z. B. Realismus, Kausalprinzip), indem er sie durch entsprechende methodologische Regeln ersetzt. So wird die empirische Wissenschaft von einem System empirisch unangreifbarer metaphysischer Voraussetzungen, die zusammen mit Beobachtungen der Rechtfertigung empirisch-wissenschaftlicher Theorien dienen sollen, zu einer Methode der Prüfung und Korrektur dieser Theorien. Auch die Falsifikationsmethode selbst muss nicht vorausgesetzt, sondern lediglich angewendet werden – sie ist in diesem Sinne „voraussetzungsfrei“. Die wissenschaftliche Methodik vollzieht dabei eine Problemverschiebung: Das Ziel, Fehler in Hypothesen schon im Voraus auszuschließen, wird als unmöglich aufgegeben und durch das neue Ziel ersetzt, die Hypothesen so zu gestalten, dass sie im Nachhinein so leicht wie möglich als falsch erkannt und korrigiert werden können, wenn sie falsch sein sollten.

Abgrenzungsproblem

Weil empirische Theorien nicht endgültig entscheidbar sind, entwickelte Popper das Kriterium der Falsifizierbarkeit als alternative Lösung des Abgrenzungs-problems für Erfahrungswissenschaften. Popper sah in diesem Abgrenzungs-problem, also der Frage, wie sich empirisch-wissenschaftliche und metaphysische Sätze voneinander unterscheiden lassen, im Vergleich zum Induktionsproblem, also der Frage, wie sich Theorien durch besondere Sätze rechtfertigen lassen, das wichtigere Problem.

„Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.“[29]

Sein Anspruch ist es, mit dem Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit ein rationales, systematisches und objektives, also intersubjektiv nachprüfbares Instrument zu liefern.

Popper unterschied grundsätzlich logische Falsifizierbarkeit von der praktischen Falsifizierbarkeit. Eine Theorie ist empirisch, wenn es mindestens einen Beobachtungssatz gibt, der zu ihr logisch im Widerspruch steht. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass in der Praxis mangels geeigneter Experimente (zum Beispiel in der Astronomie oder in der Atomphysik) eine tatsächliche Beobachtung gar nicht durchgeführt werden kann. Aussagen, die nicht falsifizierbar (widerlegbar) sind, also nicht empirisch-wissenschaftlich, sind metaphysisch.

Definitionen sind nicht falsifizierbar. Daher sind Aussagen nicht falsifizierbar, die implizit die Definition des Ausgesagten enthalten. Wenn der Satz „Alle Schwäne sind weiß“ beinhaltet, dass es ein Wesensmerkmal von Schwänen ist, weiß zu sein, kann er durch die Existenz eines schwarzen Vogels, der ansonsten die Merkmale eines Schwans aufweist, nicht widerlegt werden. Denn er wäre dann nach der Definition aufgrund seiner Farbe kein Schwan. Wenn hingegen die Farbe nicht Bestandteil der Definition eines Schwans ist, kann der Satz „Alle Schwäne sind weiß“ dadurch überprüft werden, dass man ihm einen Beobachtungssatz gegenüberstellt: „Im Duisburger Zoo gibt es einen schwarzen Schwan“, unabhängig davon, ob dort wirklich ein schwarzer Schwan existiert.

Ebenso sind Axiome der Mathematik als Festsetzungen nicht falsifizierbar. Man kann sie daraufhin prüfen, ob sie widerspruchsfrei, voneinander unabhängig, vollständig und notwendig zur Herleitung (Deduktion) der Aussagen eines Theoriensystems sind. So hat die Veränderung des Parallelenaxioms im 19. Jahrhundert dazu geführt, dass neben der euklidischen auch andere Geometrien entwickelt wurden. Hierdurch wurde aber die euklidische Geometrie nicht falsifiziert. Allerdings wäre ohne diese nichtlinearen Geometrien die Entwicklung der Relativitätstheorie nicht möglich gewesen.

„Eine Theorie ist falsifizierbar, wenn die Klasse ihrer Falsifikationsmöglichkeiten nicht leer ist.“[30]

Widerspruchsvolle Aussagen sind prinzipiell falsifizierbar, diese Falsifizierbarkeit ist jedoch ohne Wert. Man kann mittels des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch jede beliebige Folgerung aus ihnen herleiten. Insbesondere folgt daraus zu jedem Basissatz sein Gegenteil. Dies bedeutet jedoch, dass überhaupt jeder Basissatz eine widerspruchsvolle Aussage falsifiziert.[31]

Zur Abgrenzung wissenschaftlicher Theorien von pseudowissenschaftlichen (oder allgemeiner Rationalität von Pseudorationalität) ist im Kritischen Rationalismus nicht die Falsifizierbarkeit ausschlaggebend, sondern die Frage, ob ein ‚doppelt verschanzter Dogmatismus‘ enthalten ist.[32] Während jede Theorie bei unwissenschaftlicher Vorgehensweise gegen Kritik immunisiert werden kann, zwingen solche Dogmatismen selbst dann zu einer Immunisierung, wenn sie in einen wissenschaftlichen und kritisch-rationalen Kontext gesetzt werden. Sie entziehen eine These jedoch nicht prinzipiell der kritischen Analyse, sondern müssen lediglich vor der Diskussion entfernt werden.[33]

Den häufig anzutreffenden Fehler, mangelnde Falsifizierbarkeit als etwas Schlechtes oder gar als Kennzeichen für Unsinn anzusehen, gab sogar Albert zu, der anfänglich Poppers Position mit dem Standpunkt verbunden hatte, dass Metaphysik sinnlos sei.[34] Popper hatte das zwar ausdrücklich nicht so gesehen, betonte aber mehrfach, dass er in der ersten Ausgabe der Logik der Forschung fälschlicherweise die Grenze der Wissenschaft mit der Grenze der Diskutierbarkeit gleichgesetzt hatte, und dass er in diesem Punkt seine Meinung geändert hatte.[35][36]

Der Kritische Rationalismus selbst ist nicht falsifizierbar. Er ist jedoch kritisierbar und rational diskutierbar (siehe Pankritischer Rationalismus).

Ein Ziel des Logischen Empirismus war es, die Metaphysik als sinnlos zu entlarven und nur solche Theorien in der Wissenschaft zuzulassen, die vollständig verifizierbar sind, also vollständig auf Beobachtungssätze reduziert werden können. Jede Theorie hat jedoch immer einen metaphysischen Gehalt in Form von Elementen und Folgerungen, die über reine Beobachtung hinausgehen. Ein einfaches Beispiel ist die erfahrungswissenschaftliche Theorie, dass Menschen höchstens 150 Jahre alt werden, und die daraus folgende metaphysische Aussage, dass alle Menschen sterblich sind.

In der Einstellung zu solchen Sachverhalten findet sich ein wesentlicher Unterschied zwischen der Verifizierbarkeitsforderung und dem Falsifizierbarkeitskriterium: Der Logische Empirismus sieht metaphysische Elemente als problematisch an und versucht, Theorien davon möglichst zu bereinigen. Der Kritische Rationalismus hingegen harmoniert wegen seiner realistischen Grundeinstellung mit ihnen und hält sie für zulässig und wünschenswert, solange die Theorie als ganzes falsifizierbar bleibt. Denn sie sagen etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aus.

Popper war außerdem der Auffassung, dass auch rein metaphysische Sätze Sinn haben. Sie sind Mythen und Träume, die der Wissenschaft durch ihre schöpferische Kraft helfen, neue Probleme zu entdecken, neue, falsifizierbare Theorien zu konstruieren und sich somit selbst Zwecke und Ziele zu geben. Er nannte sie metaphysische Forschungsprogramme, und führte die aus seiner Sicht zehn wichtigsten an:[37]

1.Die Vorstellung des Universums als gleichförmige, unabänderliche Sphäre (Parmenides)

2.Die Atomvorstellung

3.Das Geometrisierungsprogramm (Platonund andere)

4.Die Konzepte der Wesenseigenschaften und Potenzen (Aristoteles)

5.Die Physik zur Zeit der Renaissance (Kepler, Galilei und andere)

6.Die Uhrwerktheorie des Universums (Descartesund andere)

7.Die Theorie, dass das Universum aus Kräften besteht (Newton, Leibniz, Kant und Boscovich)

8.Die Feldtheorie (Faraday und Maxwell)

9.Die Idee eines einheitlichen Felds (Einsteinund andere)

10.Die indeterministische Partikeltheorie (so wie in BornsInterpretation der Quantentheorie)

Zum Beispiel war die Atomvorstellung der griechischen Philosophen 2300 Jahre lang eine rein metaphysische Vorstellung, bevor im 19. Jahrhundert auf der Idee aufbauende Theorien entstanden, die experimentell geprüft werden konnten und sich – zumindest für eine gewisse Zeit – bewährten. Stehen metaphysische Sätze wie Alle Menschen sind sterblich oder Es gibt Positronen isoliert für sich, sind sie vorwissenschaftlich. Eine erfahrungswissenschaftliche Theorie entsteht erst, wenn eine Eigenschaft vorausgesagt wird, die anhand eines Beobachtungssatzes (Basissatzes) überprüft werden kann. Prüfbar ist somit die Aussage Jeder Mensch stirbt spätestens 150 Jahre nach seiner Geburt. Sollte es einmal jemanden geben, der älter wird, ist diese Theorie falsifiziert. Metaphysische Aussagen sind also in der empirischen Wissenschaft grundsätzlich erlaubt, solange sie huckepack als Konsequenz falsifizierbarer Theorien auftreten.

Metaphysik bleibt trotz Nichtfalsifizierbarkeit kritisierbar, da Falsifikation nur eine Form der logisch gültigen, rationalen Kritik ist.[38][39] Popper fügte zu seiner Liste noch ein eigenes elftes metaphysisches Forschungsprogramm hinzu, das diese zehn verband und erweiterte: Die Vorstellung des Universums als ein einheitliches Propensitätsfeld.

Fortschritt nach Popper

Die Suche nach Falsifikationen, nach den denkbaren Anwendungsfällen, an denen Theorien scheitern, also letztlich die Suche nach Fehlern, hat Popper als entscheidend für den Erkenntnisfortschritt angesehen. Nur die Korrektur dieser Fehler durch bessere Theorien führt demnach zu Fortschritt.

Bei der Methode der Falsifikation sind Entdeckungs- und Begründungszusammenhang getrennt. Falsifikation ist ein Verfahren zur Beurteilung bestehender Theorien. Nach Auffassung des Kritischen Rationalismus gibt es kein methodisch rationales Verfahren zur Entdeckung von Theorien. Sie ist ein kreativer Prozess, der im Wesentlichen durch spekulative Phantasie, Intuition, Zufälle und Geistesblitze beeinflusst wird. Theorien sind also immer frei erfunden. Diese Auffassung hatte auch Einstein vertreten.[40] Der Kritische Rationalismus wendet sich hier insbesondere gegen die pessimistische Einstellung „von nichts kommt nichts“: Theorien bauen zwar immer auf bestehendem, auch auf angeborenem Wissen auf (wie etwa auf der Neigung, eine Sprache zu lernen), ihre Neuerungen entstehen aber förmlich aus dem Nichts. Mit ihnen tritt etwas Neues in das Universum ein, das zuvor nicht dagewesen ist.

Die Existenz einer wissenschaftlichen Methode im üblichen Sinn hat Popper dabei aber abgelehnt.[41]

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I: Vorstellung der beiden Theorien

1. „Konstruktivismus“
1.1. Hauptvertreter
1.1.1. Humberto R. Maturana
1.1.2. Francisco Varela
1.1.3. Ernst von Glasersfeld
1.1.4. Paul Watzlawick
1.2. Die Grundprinzipien des Konstruktivismus
1.2.1. Die Solipsismus- Frage
1.2.2. Neurophysiologischer Ansatz

2. „Kritischer Rationalismus“

2.1. Hauptvertreter

2.1.1. Karl R. Popper

2.1.2. Hans Albert

2.2. Die Grundprinzipien des Kritischen Rationalismus

2.2.1. Prinzip der kritischen Prüfung

2.2.2. Wertfreiheit

2.2.3. Basissätze

2.2.4. Erklärung, Prognose, Technologie

2.2.4.1. Das Hempel- Oppenheim- Schema

Teil II: Darstellung und Vergleich elementarer Begriffe

1. „Wirklichkeit“
1.1. „Wirklichkeit“ im Konstruktivismus
1.2. „Wirklichkeit“ im Kritischen Rationalismus
1.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

2. „Objektivität“
2.2 „Objektivität“ im Konstruktivismus
2.3 „Objektivität“ im Kritischen Rationalismus
2.4 Vergleich beider Begriffsvorstellungen

3. “Wahrheit“
3.1. „Wahrheit“ im Konstruktivismus
3.2. „Wahrheit“ im Kritischen Rationalismus
3.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

4. „Erkenntnis“
4.1. „Erkenntnis“ im Konstruktivismus
4.2. „Erkenntnis im Kritischen Rationalismus
4.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

Teil III: Zusammenfassender Vergleich beider Theorien

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schon seit langem beschäftigen sich Philosophen und Wissenschaftler mit den Fragen nach Erkenntnis und Wahrheit, Wirklichkeit und Wissen. Dabei haben sich die Vorstellungen mit der Zeit immer wieder verschoben und verändert, es wurden immer wieder neue Theorien aufgestellt, die z.T. auch nebeneinander bestanden und bestehen.

Auch heute noch wird nach einer befriedigenden Antwort auf eine diesbezügliche Fragestellung gesucht.

Zwei relativ junge Theorien sind der Kritische Rationalismus und der Radikale Konstruktivismus, und mit diesen möchte ich mich auf den folgenden Seiten beschäftigen.

Auf einer Internetseite über den Kritischen Rationalismus findet sich folgende herausfordernde Bemerkung:

„Das mit der Konstruktion haben nicht die Leute erfunden, die sich jetzt (seit den 80er Jahren) damit brüsten und "Konstruktivisten" nennen. Es handelt wahrscheinlich sich um Wissenschaftsbetrüger, die ihr Wissen nur von Kant und Popper gestohlen haben und es als ihre Erkenntnis ausgeben. Vielleicht haben einige von ihnen auch nicht gestohlen, sondern einfach nicht gelesen, was andere schon vor ihnen gemacht haben. In jedem Fall haben sie die Rolle der Kritik überhaupt nicht oder erst nach Jahrzehnten erkannt.“1

Natürlich kann diese Aussage nicht als objektiv angesehen werden, denn sie stammt offensichtlich aus der Feder eines überzeugten und „parteiischen“ Vertreters des Kritischen Rationalismus.

Dennoch ist es interessant, dieser Behauptung einmal nachzugehen: betreiben die Radikalen Konstruktivisten tatsächlich nur „Gedankenklau“, oder ist in irgendeiner Weise ersichtlich, dass sie eigene Ideen entwickeln, die sich sowohl von Kant als einem Vertreter der älteren Philosophen, als auch von Popper, dem Hauptvertreter und Begründer des Kritischen Rationalismus, abheben? Um diese Frage zu klären, und um allgemein einen Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den beiden Theorien zu schaffen, sollen im Folgenden die Theorien2 des Kritischen Rationalismus und des Radikalen Konstruktivismus dargestellt (Teil I)und danach verglichen werden (Teil II).

Zunächst gebe ich einen kurzen Überblick über die jeweiligen Hauptvertreter und die Hauptaspekte der Theorie.

Dann soll der Vergleich erfolgen: Wo liegen die gravierenden Gegensätze in beiden Theorien? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Um diese Fragen zu strukturieren werde ich mich an den in beiden Theorien häufig verwendeten Begriffen „Wirklichkeit“, „Objektivität“, „Wahrheit“ und „Erkenntnis“ orientieren. Dabei soll zunächst das jeweilige Begriffsverständnis in den Theorien dargestellt werden, danach folgt dann ein Vergleich der jeweiligen Vorstellungen. In einem abschließenden Abschnitt (Teil III) sollen dann die Ergebnisse des Vergleichs zusammengefasst und noch einmal Bezug auf die eingangs formulierte Fragestellung genommen werden.

I. Vorstellung der beiden Theorien

Hier soll nun ein kurzer Überblick über die Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus Kritischen Rationalismus und die jeweiligen Theorien gegeben werden.

1. „Konstruktivismus“

1.1. Hauptvertreter

Als Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus lassen sich Humberto R. Maturana, Francisco Varela und, sowie Ernst von Glasersfeld und Paul Watzlawick und nennen. Weitere wichtige Vertreter sind Heinz von Foerster und Gerhard Roth.

Der Kürze halber sollen an dieser Stelle nur die ersten vier Vertreter vorgestellt werden. Maturana und Varela lassen sich der biologischen, bzw. neurophysiologischen Richtung des Radikalen Konstruktivismus zuordnen; von Glasersfeld und Watzlawick vertreten eher den wissenschaftstheoretischen Zweig.

1.1.1. Humberto R. Maturana

Humberto R. Maturana wurde 1928 geboren.

Er studierte Medizin und Biologie in Santiago de Chile, in London und in Harvard. Er promovierte und ist seit 1961 an der Universität Santiago de Chile tätig.3

1.1.2. Francisco Varela

Francisco Varela wurde 1946 geboren.

Er promovierte im Alter von 24 Jahren an der Harvard University und lehrte als Professor für Biologie in Chile. Nach der Flucht aus Chile - aufgrund politischer Verhältnisse - lehrte er als Gastprofessor für Neurobiologie und Philosophie in Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Varela war ein Mitarbeiter Humberto R. Maturanas.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass er in engerer Verbindung zum Dalai Lama zu stehen schien, denn er „ organisierte zahlreiche Konferenzen und Treffen mit dem Dalai Lama“. 4

Bis zu seinem Tod am 28. Mai 2001 arbeitete Varela als Forschungsdirektor in Paris am Centre National de Recherche Scientifique.Zu letzt arbeitete er in Paris. Bis zu seinem

1.1.3. Ernst von Glasersfeld

Ernst von Glasersfeld wurde 1917 in München geboren.

In Wien und Zürich studierte er Mathematik und ab 1947 arbeitete er als Journalist in Italien.

Von 1962 bis 1970 leitete er ein Forschungsprojekt in maschineller Sprachanalyse5 und zwischen 1969 und 1987 lehrte er Psychologie an der University of Georgia.

1.1.4. Paul Watzlawick

Paul Watzlawick wurde 1921 in Villach geboren.

Zwischen 1957 und 1960 lehrte er Psychotherapie an der Universität von El Salvador.

!960 begann er seine Arbeit am Mental Research Institute in Pal Alto (Kalifornien); seit 1976 arbeitet er außerdem als Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Stanford University.6

1.2. Die Grundprinzipien des Konstruktivismus

„Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“.7

Die Diskussion des Radikalen Konstruktivismus findet sich mittlerweile in vielen verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen, so z.B. in den Sozial- oder Literaturwissenschaften.

Es lassen sich allerdings - wie schon angedeutet - zwei Hauptströmungen festmachen:

Zum einen die biologische, bzw. neurophysiologische Richtung und zum anderen die wissenschaftstheoretische Richtung. Hier soll im Folgenden ein eher allgemeiner Überblick über die Theorie des Radikalen Konstruktivismus geliefert werden.

Der Radikale Konstruktivismus wird in seiner Entstehung zwar erst auf die jüngere Zeit - die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts - datiert, seine Ideen bezieht er jedoch schon von antiken Philosophen.

Es wird sich zentral mit der Frage beschäftigt, wie wir etwas wahrnehmen und erkennen (bzw. ob wir überhaupt etwas erkennen können) und in diesem Zusammenhang damit, ob wir etwas sicher wissen können.

Man kann den Radikalen Konstruktivismus nicht als einheitliche Theorie bezeichnen; einig sind sich seine Vertreter jedoch darin, dass wir im Prinzip nichts von der Realität um uns herum so erkennen können, wie sie wirklich ist. Inwiefern diese Realität überhaut existiert, darüber gibt es z.T. voneinander abweichende Vorstellungen.

Im radikalsten Fall wird die These aufgestellt, dass im Prinzip überhaupt keine Realität existiert und wir uns alles, was wir als solche betrachten, selbst erschaffen. Zumeist wird jedoch die Auffassung vertreten, dass es zwar eine Realität gibt, wir sie jedoch nicht in ihrem eigentlichen Zustand erkennen können. Wir können über eine solche Realität allenfalls sprechen und sie als gegebenen Zustand annehmen.

Die Abgrenzung dieser konstruktivistischen Auffassung zum klassischen Empirismus bringen König und Zedler wie folgt auf den Punkt:

„Der Radikale Konstruktivismus wendet sich gegen die These, dass Kriterium für Wissenschaftlichkeit die Übereinstimmung von Aussagen mit der Wirklichkeit ist.“8 Der Radikale Konstruktivismus wendet sich also gegen die (lang tradierte) Abbildtheorie, welche besagt, dass das, was wir wissen, eine Abbildung der Realität darstellt.

Folgende Behauptung wird aufgestellt: wir können die Welt nicht objektiv betrachten, vielmehr macht jeder von uns subjektive Erfahrungen und konstruiert sich daraus sein Wissen, mit dem er dann die Welt - seine Welt - weiter gestaltet. Oder, um es anders zu sagen: jeder schafft sich seine eigene Wirklichkeit - und ist damit selbst dafür verantwortlich. Diese herausfordernde These macht den Radikalen Konstruktivismus zu einer oft diskutierten und sehr kritisch betrachteten Theorie, denn vielen „ist eine Lehre ungemütlich, die andeutet, dass wir die Welt, in der wir zu leben meinen, uns selbst zu verdanken haben.“9

Ein häufiger Vorwurf am Radikalen Konstruktivismus besteht darin, dass dessen Vorstellung von der Eigenkreation der Realität zum Solipsismus führe. Dies soll im Folgenden kurz erläutert werden.

1.2.1. Die Solipsismus- Frage

Der Solipsismus besagt, dass es nur die eigene Person gibt, die sich ihre gesamte Umwelt selbst erschafft - eingeschlossen Gegenstände, andere Menschen, etc.. Alles beruht auf Einbildung. Es wird also die Ansicht vertreten, „dass diese Welt lediglich in meiner Vorstellung existiert, und dass das `Ich`, das sich diese Vorstellung bildet, die einzige Wirklichkeit ist“.10

Diesem Vorwurf tritt der Radikale Konstruktivismus mit der Argumentation entgegen, es gebe einen epistemologischen und einen ontologischen Solipsismus -und der Radikale Konstruktivismus vertrete einen epistemologischen Solipsismus. Dieser besage nur, „dass ich als erkennendes Wesen wie ein geschlossenes System funktioniere und keine `Außenwelt` erkennen kann“11 - jedoch nicht, dass es diese Außenwelt nicht gibt.

Dass eine solche Außenwelt nicht erkannt werden kann, begründet der Radikale Konstruktivismus auch mit neurophysiologischen Erklärungen. Darauf soll im nächsten Punkt eingegangen werden.

1.2.2. Neurophysiologischer Ansatz

Nach dem neurophysiologischen Ansatz verläuft die Wahrnehmung über Sinnesrezeptoren, die durch Reize von außen stimuliert werden. Durch diese Stimulation können sie Impulse an das Nervensystem abgeben, die äußeren Reize werden „übersetzt“. Damit existiert aber keine Verbindung mehr zum ursprünglichen Reiz - alles, was nun im Gehirn vor sich geht, ist Interpretation und Bedeutungszuweisung:

Bei der Bedeutungszuweisung operiert das Gehirn auf der Grundlage früherer interner Erfahrung und stammesgeschichtlicher Festlegungen: erst dann wird ein Wahrnehmungsgehalt bewusst. Das heißt aber, bewusst wird nur das, was bereits gestaltet und geprägt ist. Aufgrund dieser Arbeitsweise ist das Gehirn gar nicht in der Lage, Wirklichkeit als solche abzubilden oder zu repräsentieren: Es gibt kein Urbild.12

Demnach können wir also nicht sicher sein, dass das, was wir wahrnehmen, tatsächlich der Welt um und herum entspricht.

Weitere wichtige Vorstellungen im Radikalen Konstruktivismus finden sich in dessen Vorstellungen von Wahrheit, Erkenntnis, Objektivität und Wirklichkeit. Die Behandlung dieser Themen soll allerdings noch nicht an dieser Stelle, sondern erst im Vergleich mit dem Kritischen Rationalismus stattfinden. Bevor ein solcher Vergleich erfolgt, soll aber zunächst auch der Kritische Rationalismus kurz vorgestellt werden.

2. „Kritischer Rationalismus“

2.1. Hauptvertreter

Als die Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus können Karl R. Popper und Hans Albert gesehen werden.

2.1.1. Karl R. Popper

Karl Raimund Popper wurde 1902 in Wien geboren und starb 1994 in einem kleinen Ort bei London.

Sein Bildungsgang war vielfältig: mit sechzehn schrieb er sich nach Abbruch der Mittelschule an der Wiener Universität für die Fächer Mathematik, Physik, Philosophie, Psychologie und Musik ein - „nicht für einen Beruf, sondern aus Interesse und Lust am Diskutieren“.13

Er absolvierte eine Prüfung, mit deren Abschluss er als Volksschullehrer unterrichten durfte, es schloss sich eine Lehre zum Tischler an und schließlich arbeitete er eine Zeit lang als Erzieher. Nebenbei studierte er noch weiter, 1928 promovierte Popper dann bei dem Psychologen und Sprachtheoretiker Karl Bühler in Wien.

Popper interessierte sich für den sogenannten „Wiener Kreis“, welcher sich dem „logischen Positivismus“ verschrieben hatte.

Von 1936 lehrte Popper in Christchurch in Neuseeland, 1937 wanderte er vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus nach Neuseeland aus und war dann zwischen 1949 und 1969 als Professor für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre an der London School of Economics and Political Science tätig. 1934 erschien sein Buch „Logik der Forschung“, in dem Popper zwar noch nicht den Begriff „Kritischer Rationalismus“ verwendet, welches sich aber mit den entsprechenden Theorien und Gedankengängen beschäftigt. König und Zedler bezeichnen es als „Grundlagenwerk des Kritischen Rationalismus“.14

2.1.2. Hans Albert

Hans Albert wurde 1921 in Köln geboren und lebt in Heidelberg.

Er studierte an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und schloss 1950 als Diplom- Kaufmann ab. Nach seiner Promotion 1952 arbeitete Albert bis 1958 als Assistent am Forschungsinstitut für Sozial- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Köln.

1958 lernte er auf den Alpbacher Hochschulwochen Karl Popper kennen, der ihn durch seine Theorien schon vorher in seinen Überlegungen beeinflusst hatte. Seit 1963 ist Albert im Lehrstuhl für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim tätig.

2.1. Grundprinzipien des kritischen Rationalismus

Bekanntlich berechtigen uns noch so viele Beobachtungen von weißenSchwänen nicht zu dem Satz, dass alle Schwäne weißsind.15

Die Anfänge des kritischen Rationalismus liegen in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Begründet wurde er durch Karl R. POPPER.. Dieser befasste sich in seinem Buch „Logik und Forschung“ eingehend mit der diesbezüglichen Thematik und brachte durch sein Buch „die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1944) den Begriff „Kritischer Rationalismus“ auf.16 Laut Albert gab es im Klassischen Rationalismus die Vorstellung von einem „Wissensideal(...), das auf der Suche nach einem sicheren Fundament der Erkenntnis beruht und in dem daher Wahrheit und Gewissheit miteinander verschmolzen sind.“17

Von dieser Vorstellung distanziert sich der Kritische Rationalismus; nach seiner Theorie kann es völlig gesicherte Erkenntnis nicht geben.

Als wichtigen Punkt im kritischen Rationalismus kann man außerdem die Kritik am Induktionsverfahren, allgemein auch „Induktionsproblem“ genannt, sehen, welches bis dahin als Beweismethode in der empirischen Wissenschaft favorisiert wurde. Induktion meint den Schluss von einer Einzelaussage auf eine allgemeine Aussage.

Diese Vorgehensweise ist nach POPPER nicht haltbar: „ Nun ist es aber nichts weniger als selbstverständlich, dass wir logisch berechtigt sein sollen, von besonderen Sätzen, und seien es noch so viele, auf allgemeine Sätze zu schließen. Ein solcher Schluss kann sich ja immer als falsch erweisen.“18 POPPER macht hier klar, dass es praktisch nicht möglich ist, aus einer einzelnen Beobachtung eine generelle Aussage abzuleiten: eine solche Aussage würde den Anspruch erheben, immer und überall gültig zu sein, d.h., es dürfte kein einziges Gegenbeispiel geben. Darin aber kann man sich nie wirklich sicher sein, denn wir haben im Prinzip kein absolutes Wissen über einen Sachverhalt. Ein Beispiel: Eine generelle Gesetzesaussage wie „alle Tiere haben vier Beine“ kann nicht als endgültig wahr erwiesen werden, sie ist nichtverifizierbar.Es reicht ein einziges Gegenbeispiel - also z. B. ein Vogel - um die Aussage als falsch zu erweisen, sie zufalsifizieren.

Auf diese Erkenntnis baut der Kritische Rationalismus auf: es wird nicht mehr versucht, eine Theorie zu verifizieren, sondern, ganz im Gegenteil, sie zu falsifizieren.

Auf diesem Grundsatz beruht das „Prinzip der kritischen Prüfung“.

2.2.1. Prinzip der Kritischen Prüfung

Das Prinzip der kritischen Prüfung wurde ebenfalls von POPPER entwickelt und beruht, wie schon unter Punkt 2.2 erwähnt, hauptsächlich auf der Falsifikation von Theorien:

Zunächst wird eine Gesetzesaussage aufgestellt; eine solche Aussage soll allerdings nicht als gesichert, sondern zunächst als rein hypothetisch angesehen werden. Aus dieser Aussage werden nun einzelne Aussagen abgeleitet. Dieses Verfahren nennt sich Deduktion: die Ableitung von singulären Aussagen aus einer allgemeinen Aussage. Diese singulären Aussagen werden nun einer möglichst strengen empirischer Prüfung unterzogen.

Werden die Aussagen durch die Prüfungen falsifiziert, so gilt auch die Gesamtaussage als falsifiziert und wird verworfen (oder besser: nicht in der bisherigen Form akzeptiert); können die Einzelaussagen aber verifiziert werden, so kann die Gesamtaussage als „bewährt“ angesehen werden - jedoch nur vorläufig: „ Die positive Entscheidung kann das System immer nur vorläufig stützen; es kann durch spätere negative Entscheidungen immer wieder umgestoßen werden."19

Zu dem Begriff „Falsifikation“ soll an dieser Stelle noch ein Zitat von Niemann eingebracht werden:

„Falsifikation bedeutet nicht, dass eine Theorie falsch ist und fallengelassen werden muß; sondern sie bedeutet, dass in dem ganzen System von Theorien, Hilfsannahmen, Randbedingungen, Beobachtungen und sprachlicher Formulierung irgendetwas falsch sein muss.“20

Das heißt also, dass bei einer negativ ausgefallenen Prüfung nicht die ganze Theorie falsch sein muss - es wurden ja auch nur einzelne abgeleitete Sätze als falsch „enttarnt“. Vielmehr muss bei einer Falsifikation nach dem Fehler im Gesamtgefüge gesucht werden.

Da im Kritischen Rationalismus Hypothesen nur als endgültig falsch, aber nie als endgültig wahr erwiesen werden können, kann man nur von „Annäherungen an die Wahrheit“21 sprechen.

Eine solche möglichst enge Annäherung ist im Kritischen Rationalismus das Ziel der Wissenschaft - Prim und Tilmann bezeichnen dies als „systematisches Raten“22. Es wird also nicht resigniert, weil klar geworden ist, dass man die Wahrheit in ihrer „Reinform“ sowieso nicht erkennen kann, sondern es werden vorläufige Erkenntnisse akzeptiert, mit denen dann weitergearbeitet wird.

Im Kritischen Rationalismus gibt es noch einige weitere grundlegende Prinzipien, die aber im Folgenden nur kurz umrissen werden sollen.

2.2.3. Wertfreiheit

Im allgemeinen befasst man sich in der Wissenschaft damit, ob eine Wissenschaft werturteilsfrei sein kann, oder nicht.

Der Kritische Rationalismus vertritt in dieser Diskussion die Auffassung, dass in der Wissenschaft Wertentscheidungen vorhanden sind, und zwar eine Wertbasis. Diese beinhaltet laut König und Zedler „diejenigen Normen, die wissenschaftliches Handeln leiten“23.

Diese Wertbasis wird vorausgesetzt, damit wissenschaftlich gearbeitet werden kann, es ist jedoch nicht zulässig, innerhalb der Wissenschaft Normen aufzustellen.

2.2.3. Basissätze

Empirische Basissätze lassen sich bezeichnen als „Grundlagensätze“. Sie werden sozusagen als eine Art Fundament angesehen, auf das man eine wissenschaftliche Theorie aufbauen kann.

Natürlich können auch Basissätzen nicht als endgültig bewiesen betrachtet werden, sie werden jedoch einer strengen Prüfung (nach dem Prinzip der kritischen Prüfung) unterzogen und dann als festgesetzt hingenommen. Eine solche akzeptierte empirische Basis scheint nötig, denn „jede Nachprüfung einer Theorie, gleichgültig, ob sie als deren Bewährung oder als Falsifikation ausfällt, muss bei irgendwelchen Basissätzen haltmachen, die anerkannt werden“24 - sonst kommt man zu keinem Ergebnis.

2.2.4. Erklärung, Prognose, Technologie

Erklärung, Prognose und Technologie sind drei Aufgaben, die empirische Wissenschaft zu leisten hat.

Erklärung meint genauer „die Erklärung der Realität als exakte Begründung der Existenz bestimmter einzelner Ereignisse und ganzer Ereigniskomplexe“25, Prognose meint die Vorhersage von Folgen von Ereignissen oder einer Handlung und Technologie umschreibt das Mittel, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Im Kritischen Rationalismus gelangt man zu Erklärung, Prognose und Technologie immer nach dem gleichen Prinzip: Nach dem H- O- Schema. Dies soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

2.2.5.1. Das Hempel- Oppenheim- Schema

Angenommen, es soll eineErklärungvorgenommen werden:

Zunächst muss der gegebene Sachverhalt betrachtet werden - das Explanandum, das „zu Erklärende“. Gesucht ist das Explanans, das „Erklärende“. Dieses Explanans besteht aus zwei Teilen: zum einen aus einer Hypothese, die als allgemein gültig betrachtet wird, und zum anderen aus Randbedingungen (auch singuläre Aussagen genannt), die nur für eine Situation gültig sind. Aus diesen beiden Teilen setzt sich nun die Erklärung zusammen. Bei einer Prognose ist das Explanans, also die generellen und die allgemeinen Bedingungen, schon gegeben. Nun wird danach gefragt, welche Folgen diese Bedingungen haben, demzufolge wird nach dem Explanandum gesucht. Es wird also wieder mit den Elementen Explanans und Explanandum gearbeitet

- dies verhält sich auch bei der Prognose so, nur bestehen bei der Prognose wieder andere Vorgaben: hier wird „logisch abgeleitet [..], welche Maßnahmen (Techniken) zu realisieren sind, um bestimmte Ziele zu erreichen.“26 Dabei ist das Ziel - das Explanandum - vorgegeben, ebenso die singulären Bedingungen. Gesucht wird noch nach einer generellen Gesetzesaussage, die auf die spezifische Situation anzuwenden ist.

Mit dem H- O- Schema kann man also „nur“ mittels Explanans und Explanandum sowohl Erklären, als auch Voraussagen, sowie Mittel zur Erreichung eines Ziels angeben.

II. Darstellung und Vergleich elementarer Begriffe

Im Folgenden soll anhand der Definitionen der Begriffe Wirklichkeit, Objektivität, Wahrheit und Erkenntnis ein Vergleich von Radikalem Konstruktivismus und Kritischem Rationalismus vorgenommen werden. Da die jeweiligen Begriffe in den beiden Theorien mehr oder weniger unterschiedlich verstanden werden, können an ihnen Unterschiede und Gemeinsamkeiten verdeutlicht werden.

1. „Wirklichkeit“

1.1. „Wirklichkeit“ im Radikalen Konstruktivismus

Zunächst stellt sich die Frage: gibt es im Radikalen Konstruktivismus überhauptdieWirklichkeit?

In diesem Punkt sind sich die meisten Vertreter darin einig, dass es eine Welt, eine Wirklichkeit gibt, in der wir existieren und agieren - wir können sie eben nur nicht erkennen.

Vielmehr konstruieren wir uns unsere eigene Wirklichkeit; die Wirklichkeit ist gleichzusetzen mit unserem Erleben.

Watzlawick differenziert in diesem Punkt zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten: der Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung.

Die Wirklichkeit erster Ordnung lässt sich vielleicht beschreiben als das, was wir gemeinhin unter einer Tatsache verstehen, etwas, das als allgemein gültig anerkannt ist (was nicht automatisch impliziert, dass dieses auch der Realität entspricht). Die Wirklichkeit zweiter Ordnung entspricht der Bedeutung, der wir etwas zuschreiben. Watzlawick veranschaulicht diese Theorie am Beispiel eines halb mit Wasser gefüllten Glases:

Der Umstand, dass das Glas zur Hälfte gefüllt ist, entspricht der Wirklichkeit erster Ordnung; die Tatsache, dass wir das Glas als halb voll oder halb leer betrachten, entspricht der Wirklichkeit zweiter Ordnung.27

Diese Wirklichkeit zweiter Ordnung ist also die von uns konstruierte Wirklichkeit. Laut Watzlawick konstruieren wir diese Wirklichkeit so, dass sie möglichst gut „passt“, dass wir also mit ihr in unserem Alltag nicht anecken. Dieses „Passen“ wird mit dem Begriff „Viabilität“ umschrieben.28

Nach Ansicht des Radikalen Konstruktivismus gestalten wir uns die Wirklichkeit also so, dass sie gut funktioniert, und aufgrund dieser Funktionalität nehmen wir (fälschlicherweise) an, dass sie der „Realität“ entspricht. Tatsächlich stellt diese Wirklichkeit aber nur eine Ordnung dar, „die wir der kaleidoskopischen, phantasmagorischen Vielfalt der Welt sozusagen aufstülpen und die also nicht das Resultat der Erfassung der `wirklichen` Welt ist, sondern die im eigentlichsten Sinne eine ganz bestimmte Welt konstruiert.“29

1.2. “Wirklichkeit“ im Kritischen Rationalismus

Im Kritischen Rationalismus wird eine existierende Wirklichkeit vorausgesetzt.

Die Wirklichkeit, die Realität, ist das, was es zu erkennen gilt. Allerdings vertritt der Kritische Rationalismus den Standpunkt - und das ist eine seiner Kernaussagen -, dass man sich dieser Wirklichkeit allenfalls annähern könne. Seiner Meinung nach sind wir nicht in der Lage, die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Prim und Tilmann stellen fest, „dass unsere Wahrnehmung von Gegenständen oder Sachverhalten notwendigerweise unvollständig ist“30 und dass wir „vorzugsweise das wahrnehmen, was uns in irgendeiner Hinsicht als wichtig und bedeutsam an dem Phänomen erscheint“.31 Wir können also immer nur Teile unserer Umwelt wahrnehmen und damit zu keinem gesicherten Wissen über die Wirklichkeit gelangen.

1.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

Erst einmal lässt sich ein gravierender Unterschied zwischen den beiden Theorien feststellen:

Im Kritischen Rationalismus wird eine bestehende Wirklichkeit vorausgesetzt, im Radikalen Konstruktivismus wird aber genau dies in Frage gestellt. Wo der Kritische Rationalismus eine Annäherung versucht, grenzt sich der Radikale Konstruktivismus sozusagen ab: der Kritische Rationalismus versucht einerallgemein gültigenWahrheit und Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen (auch, wenn er weiß, dass dies nicht komplett möglich ist), der Konstruktivismus aber meint zu wissen, dass wir eine solche Wirklichkeit - eine von unserer Wahrnehmung unabhängige, objektive Wirklichkeit - nicht erkennen können (falls es sie denn überhaupt gibt).

Vielmehr vertritt er die Ansicht einer individuellen, subjektiven Wirklichkeit. Bei einer solchen Wirklichkeit geht es dann auch nicht darum, sie zu erkennen (wie im Kritischen Rationalismus), sondern sich der individuellen Wirklichkeitskonstruktion bewusst zu werden.

An dieser Stelle soll aber noch erwähnt werden, dass es in den beiden Auffassungen auch durchaus Übereinstimmungen gibt. In einem Gespräch ergänzt Watzlawick auf die Bemerkung: „Wenn meine Wirklichkeit nicht die absolute Wirklichkeit ist, wenn ich das weiß und anerkenne, ist auch die Wirklichkeit jedes anderen von Bedeutung...“ Folgendes:

„Und ich muß sie daher respektieren. Und ich würde mit Popper sagen: Nur wenn die Wirklichkeit der anderen die meine in Frage stellt, nehme ich das Recht in Anspruch, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“32

In ihren Konsequenzen können die beiden Theorien also durchaus zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

2. „Objektivität“

2.1. „Objektivität“ im Radikalen Konstruktivismus

Die Feststellung, dass unsere Wirklichkeit eine subjektive ist, und wir die Welt nicht so erkennen können, wie sie ist, schließt Objektivität praktisch aus. Von Glasersfeld zitiert dazu von Foerster mit den Worten: „Objektivität ist die Wahnvorstellung eines Subjekts, dass es beobachten könnte ohne sich selbst.“33Dieser Satz drückt aus, dass wir nichts erfassen können, ohne dass dabei unser eigenes Erleben mit hineinspielt; somit lässt sich von uns also nichts objektiv erfassen.

An dieser Stelle soll noch einmal der Begriff der Viabilität eingebracht werden: unsere Wirklichkeit schaffen wir so, dass sie viabel, brauchbar, und damit funktionierend ist. Dass sie funktioniert, bedeutet aber nicht, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt; d.h. also, wir dürfen nicht glauben, „dass die ´empirische` (d.h. erlebensmäßige) Bestätigung einer Hypothese oder der Erfolg einer Handlungsweise Erkenntnis einer objektiven Welt bedeuten.“34

Nun kann der Eindruck entstehen, dass Objektivität im Radikalen Konstruktivismus ausgeschlossen wird. Nach von Glasersfeld soll aber auch im Radikalen Konstruktivismus „zwischen `Illusion` und `Wirklichkeit`, `subjektivem` und `objektivem` Urteil“35 unterschieden werden. Dazu erläutert er, dass sich das Bild von einer Wirklichkeit durch Wiederholungen festigt: je öfter wir etwas erleben, desto wirklicher erscheint es uns. Außerdem erscheint uns etwas als objektiv wahr und wirklich, wenn andere die gleichen Erfahrungen machen, wie wir. Bei diesen „Anderen“ geht der Radikale Konstruktivismus davon aus, dass wir diesen die gleichen Eigenschaften und Fähigkeiten zuschreiben wie uns selbst, und „schließlich auch unsere eigenen Begriffe und Vorstellungen von der Erlebniswelt. Wenn diese Begriffe und Vorstellungen sich dann auch in den Modellen der anderen als viabel erweisen, dann gewinnen sie eine Gültigkeit, die wir mit gutem Recht `objektiv` nennen können“.36

Wenn also unsere Vorstellungen mit denen von anderen übereinstimmen, und dies auch noch wiederholt der Fall ist, dann ist der Begriff „Objektivität“ - zumindest bei v. Glasersfeld - auch im Radikalen Konstruktivismus erlaubt.

2.2. „Objektivität“ im Kritischen Rationalismus

Im Kritischen Rationalismus bezieht sich der Begriff der Objektivität nicht auf die Qualität von Aussagen oder einer Person, vielmehr wird er im Zusammenhang mit wissenschaftlichem Vorgehen benutzt. Eine Wissenschaft soll also objektiv sein. Für den Kritischen Rationalismus bedeutet das z.B. eine möglichst strenge Hypothesenprüfung im Prinzip der Kritischen Prüfung.

Um die Objektivität zu gewährleisten, verlangt der Kritische Rationalismus die Einhaltung bestimmter festgesetzter Regeln, denn „so wie beim Fußball ein `Tor` nicht gezählt wird, wenn ein Spieler `abseits` stand, so werden auch in der Wissenschaft Lösungen oder Widerlegungsversuche nicht akzeptiert, wenn sie bestimmten formalen Bedingungen nicht genügen“.37

Diese Regeln bestimmen z.B. die Vorgehensweise bei der Beweisführung oder legen einen präzisen Umgang mit der Sprache fest.

Besagte Regeln müssen nicht ewig in ihrer Form bestehen bleiben, sondern können - wenn es ein neuer Wissensstand erfordert - abgeändert oder revidiert werden.

2.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

Zunächst ist festzuhalten, dass der Begriff „Objektivität“ nicht in beiden Theorien die gleiche Bedeutung erfährt.

Im Radikalen Konstruktivismus bezieht er sich auf die Erfahrungen des Subjekts, im Kritischen Rationalismus auf die wissenschaftliche Vorgehensweise.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass im Kritischen Rationalismus Objektivität als eine erreichbare Gegebenheit angesehen wird, sie ist sogar ein Ziel wissenschaftlichen Arbeitens.

Im Radikalen Konstruktivismus hingegen wird völlige Objektivität gemeinhin als unmöglich betrachtet und damit gar nicht erst angestrebt.

Zwar bringt v. Glasersfeld, wie unter Punkt 2.1. erwähnt, den Begriff der Objektivität ein, jedoch ist er in diesem Zusammenhang wohl eher nur auf die vom Subjekt erfahrene und gestaltete Wirklichkeit bezogen - nicht so sehr auf eine vom Subjekt unabhängige Wirklichkeit, wie sie im Kritischen Rationalismus angenommen wird.

3. “Wahrheit“

3.1. „Wahrheit“ im Radikalen Konstruktivismus

Natürlich ist zunächst zu beachten, wie der Begriff „Wahrheit“ überhaupt verstanden werden soll.

Der Radikale Konstruktivismus scheint in diesem Punkt mit der Korrespondenztheorie, also der „Wahrheit als Korrespondenz (Übereinstimmung) mit der Wirklichkeit“38 (d.h., eine Aussage, die ich mache ist dann wahr, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt) einverstanden zu sein. Zumindest lässt sich dies vermuten, wenn von Glasersfeld den „Grundzug der konstruktivistischen Epistemologie“39 erläutert. Dieser beinhalte, „dass die Welt, die da konstruiert wird, eine Welt des Erlebens ist, die aus Erlebtem besteht und keinerlei Anspruch auf `Wahrheit` im Sinne einer Übereinstimmung mit einer ontologischen Wirklichkeit erhebt.“40

Diese Aussage beschreibt nicht nur das radikal- konstruktivistische Verständnis des Wahrheitsbegriffs, sie verdeutlicht auch, in welchem Zusammenhang die Wahrheit mit der Wirklichkeit steht:

Es wird betont, dass wir unsere Wirklichkeit selbst konstruieren, dass Wirklichkeit mit Erleben gleichzusetzen ist. Wir können also die „ontologische Wirklichkeit“ nicht erkennen, da wir sozusagen in unserer eigenen Wirklichkeit leben. Ist ein solches Erkennen aber nicht möglich, können wir auch keinen Vergleich anstellen zwischen unseren Aussagen und der ontologischen Realität. Somit ist die Wahrheit nicht fassbar, im Radikalen Konstruktivismus können wir die Wahrheit, genauso wie die Wirklichkeit, nicht erkennen.

Vielmehr schaffen wir uns beide - Wahrheit und Wirklichkeit - selbst, und zwar so, dass sie viabel sind.

Watzlawick spricht in diesem Punkt von einer „Wirklichkeitskonstruktion, die genauso wenig Anspruch auf Wirklichkeit, Richtigkeit oder Wahrheit erheben kann, wie irgendeine andere“.41

3.2. „Wahrheit“ im Kritischen Rationalismus

Laut Andersson vertritt der Kritische Rationalismus im Wahrheitsverständnis ebenfalls die Korrespondenztheorie, also die Annahme, dass das, was wahr sein soll, mit der Realität übereinstimmen muss: „In der modernen Philosophie ist sie die Korrespondenztheorie; Vf. z.B. von (...) Karl R. Popper ( ) vertreten worden.“42

Wie schon an früherer Stelle erwähnt (s. Punkt 2.2.1.) wird im Kritischen Rationalismus angenommen, dass man höchstens eine „mehr oder weniger gute Annäherungen an die Wahrheit, niemals aberdieWahrheit“43 erreichen kann. Diese Überlegung resultiert aus der Grundauffassung des Kritischen Rationalismus, welche besagt, dass wir im Prinzip nichts sicher wissen können - wir können nur prinzipiell falsifizieren und damit Thesen ausschließen, jedoch nicht prinzipiell verifizieren.

Damit lässt sich aber eben auch nicht die absolute Wahrheit erfassen. Es kann lediglich die erwähnte Annäherung erfolgen, und dies ist im Kritischen Rationalismus auch das Ziel von Wissenschaft.

Damit eine solche Annäherung möglichst objektiv vonstatten geht, gilt es bestimmte festgelegte Regeln einzuhalten (s.o.); diese Regeln sind aber nicht zu verwechseln mit einem allgemein gültigen Wahrheitskriterium (ein Indiz dafür, dass etwas wahr ist) , denn im Kritischen Rationalismus „wird (...) verneint, dass ein allgemeines Wahrheitskriterium aufgestellt werden kann“.44 Festzuhalten ist, dass im Kritischen Rationalismus eine „reine“ Wahrheit auf jeden Fall als gegeben angenommen wird, es besteht allerdings die Auffassung, dass diese niemals ganz erreicht werden kann.

3.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

Zunächst ist zu sagen, dass es in den beiden Theorien eine unterschiedliche Auffassung darüber gibt, inwiefern Wahrheit überhaupt existiert: Im Radikalen Konstruktivismus wird die Existenz von Wahrheit nicht direkt geleugnet, es wird jedoch verneint, dass es eine allgemeingültige Wahrheit gibt.

Im Kritischen Rationalismus hingegen wird angenommen dass es eine allgemeine, reine Wahrheit gibt.

In Bezug auf das Erkennen einer Wahrheit gibt es jedoch durchaus Gemeinsames: beide Theorien vertreten die Auffassung, dass wir Wahrheit aufgrund unseres Verstandes und unserer Denkstrukturen nicht (völlig) erkennen können - allerdings mit unterschiedlichen Begründungen:

Der Kritische Rationalismus liefert die Erklärung, dass wir nicht in der Lage sind, die Wahrheit ganz zu erkennen. Wir können nur versuchen, sie Stück für Stück ein bisschen mehr zu ertasten. Der Radikale Konstruktivismus hingegen erklärt, dass wir die Wahrheit überhaupt nicht erkennen können, ja, dass wir uns das, was wir als Wahrheit bezeichnen sogar selbst konstruieren; wir können die Wahrheit also nicht erfassen, weil wir in unserem subjektiven Denken „eingeschlossen“ sind.

Insofern muss konsequenterweise auch die wissenschaftliche Zielsetzung eine unterschiedliche sein: während im Kritischen Rationalismus darauf hingearbeitet wird, sich einer Wahrheit anzunähern, spielt dies im Radikalen Konstruktivismus im Prinzip keine Rolle.

4. „Erkenntnis“

4.1. „Erkenntnis“ im Radikalen Konstruktivismus

Was können wir erkennen? Diese Frage wird sich im Radikalen Konstruktivismus gestellt, und die Antwort, die seine Vertreter darauf finden ist: höchstens unsere eigene, subjektive Wirklichkeit. Erkennen im klassischen Sinne von Erkennen einer absoluten Wahrheit und Wirklichkeit scheidet damit aus. Eine weitere Frage ist:wieerkennen wir? Auch hier distanziert sich der Radikale Konstruktivismus von der „herkömmlichen Erkenntnislehre, in der Erkennen als selbstverständliche oder durch sich selbst gerechtfertigte Tätigkeit eines biologisch und psychologisch unbelasteten Subjekts vorausgesetzt wird“.45

Vielmehr sind seine Vertreter der Ansicht, dass man nicht einfach passiv erkennt, sondern dass mit einem Erkennungsprozess eine aktive Handlung verbunden ist. Wie an früherer Stelle erwähnt, erfährt der Mensch nach konstruktivistischer Denkweise nicht einfach nur seine Umwelt, sondern er konstruiert sie sich selbst. Dies unterstützt die These vom aktiven erkennenden Subjekt, denn Selbstkonstruktion bedeutet ja Aktivität und ist ohne Handeln - wobei Handeln hier im weitesten Sinne verstanden werden soll - nicht möglich.

Laut von Glasersfeld wird die Erkenntnislehre „so zu einer Untersuchung der Art und Weise, wie der Intellekt operiert, um aus dem Fluß des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte,regelmäßigeWelt zu konstruieren“.46 Im Radikalen Konstruktivismus wird die Erkenntnislehre also dahingehend umformuliert, dass sie versucht herauszufinden, nach welchen Kriterien und mit welchen Mitteln der Mensch sich seine Wirklichkeit schafft und wie er dabei individuelle Erkenntnisse gewinnt.

4.2. „Erkenntnis“ im Kritischen Rationalismus

Man kann sagen, dass der Gegenstand der Erkenntnis eine zentrale Rolle im Kritischen Rationalismus spielt, denn dieser (der Kritische Rationalismus) wurde laut Albert „vor allem im Hinblick auf Erkenntnisprobleme formuliert“.47 Im Kritischen Rationalismus wird allerdings das alte Ideal von gesicherter Erkenntnis aufgegeben. Ersetzt wird es durch den Fallibilismus: die Annahme, dass Menschen sich stets irren können und damit keine Erkenntnis als endgültig gesichert angesehen werden kann. Denn „die klassische Forderung nach Sicherheit durch absolute Begründung ist `utopisch´, d.h., ihre Erfüllung liegt nicht im Bereich menschlicher Möglichkeiten“.48

Natürlich stellt sich bei dem Begriff des „Erkennens“ auch hier nicht nur die Frage danach,waswir erkennen können, sondern auch die Frage nach dem „Wie“. Der kritische Rationalismus findet darauf die Antwort, dass wir immer nur höchstens Bruchstücke der Wirklichkeit erkennen können. Dies wird eben mit der Begrenztheit der „menschlichen Möglichkeiten“ begründet, und der Auffassung, dass es „keine absolut sichere Erkenntnisquelle und keine letztverbindliche Entscheidungsinstanz gibt; Vf., die uns absolut und endgültig wahre Erkenntnisse garantieren.“ 49 Wie genau nun menschliches Erkennen verläuft, darüber findet sich eher wenig in kritisch-rationalistischen Abhandlungen; es wird sich eher mit einer möglichst objektiven wissenschaftlichen Vorgehensweise beschäftigt, die zu wirklichkeitsnahen Erkenntnissen führen soll.

4.3. Vergleich beider Begriffsvorstellungen

Als Gemeinsamkeit lässt sich zunächst festhalten, dass in beiden Theorien die Auffassung vertreten wird, dass es gesicherte Erkenntnis nicht geben kann. Wie bei dem Wirklichkeits- und den Wahrheitsverständnis, welches eng mit dem Verständnis von Erkenntnis zusammenhängt, gibt es aber unterschiedliche Gründe für diese Auffassung.

Der Kritische Rationalismus glaubt, dass wir sozusagen an uns selbst scheitern, wenn wir versuchen, vollständige, wahre Erkenntnis zu erlangen. Der Radikale Konstruktivismus geht noch einen großen Schritt weiter, indem er behauptet, dass wir nicht nur keine objektive Erkenntnis erlangen können, sondern dass wir uns stattdessen unsere eigene Erkenntnis selbst „erarbeiten“.

Beide Theorien wenden sich also gegen das klassische Ideal von Erkenntnis. Daraus werden auch Konsequenzen gezogen, wobei Unterschiede deutlich werden:

Im Kritischen Rationalismus bedeutet dies eine andere Auffassung vom Erkenntnisideal: Menschen dürfen fehlbar in ihren Erkenntnissen sein (Fallibilismus), im Radikalen Konstruktivismus wird akzeptiert, dass es Erkenntnis im herkömmlichen Sinne gar nicht geben kann - stattdessen wird sich darauf konzentriert, wie der Mensch für sich persönlich ein subjektives Erkennen schafft und sich damit seine Umwelt gestaltet.

Nachdem nun einzelne Aspekte der beiden Theorien verglichen worden sind, sollen im Anschluss die Ergebnisse zusammenfasst und noch einmal auf die in der Einleitung angeführte Fragestellung eingegangen werden.

III. Zusammenfassender Vergleich beider Theorien

Zunächst möchte ich mich auf die eingangs erwähnte Frage beziehen, in der es darum geht, inwiefern die Radikalen Konstruktivisten ihr Wissen von Popper „gestohlen“ haben.

Um darauf eine Antwort zu finden, werde ich noch einmal die Vergleiche aus Teil II zusammenfassen.

Sowohl bei dem Begriff der Wirklichkeit, als auch bei den Begriffen der Wahrheit und der Erkenntnis lässt sich feststellen, dass es gewisse ähnliche Grundannahmen gibt.

Das alte Verständnis von Wirklichkeit und Erkenntnis z.B. wird nicht übernommen, sondern neu überdacht, denn es besteht Einigkeit darüber, dass wir die Welt nicht so erkennen können, wie sie ist.

Vielleicht würden sich die Kritischen Rationalisten noch zu der Behauptung hinreißen lassen, dass das, was wir empirisch wahrnehmen, nicht der Wirklichkeit entspricht, und zwar weil wir uns etwas konstruieren, um die Welt besser verstehen zu können.

Auf keinen Fall aber würden sie behaupten, dass es überhaupt keine erkennbare Wirklichkeit gibt, ist es doch ihr Ziel eine solche Wirklichkeit möglichst weit zu erfassen (auch, wenn sie wissen, dass dies nicht völlig möglich ist). Genau hier findet sich aber nun ein Unterschied zum Radikalen Konstruktivismus. Dieser befindet ja, wie oben beschrieben, dass der Mensch die Wirklichkeit nicht erkennen kann, ja, dass er sie sogar selbst konstruiert.

Noch nicht einmal mit besonders gut durchdachten Methoden - wie z.B. der Kritischen Prüfung - wäre man ihrer Meinung nach dazu in der Lage, seine durch und durch subjektive Erlebniswelt zu verlassen.

Hiermit wäre also ein wichtiger Gesichtspunkt gegeben, warum die Radikalen Konstruktivisten durchaus eine eigene Sicht der Dinge entwickelt, und nicht „abgeschrieben“ haben.

Auch der Vorwurf, dass der Radikale Konstruktivismus nur eine Kopie von Ideen ist, die schon Kant formulierte, ist so nicht haltbar.

Zwar beziehen sich die Radikalen Konstruktivisten in ihren Prinzipien durchaus auf Kant, sie übernehmen aber keineswegs seine Vorstellungen. Vielmehr betrachten sie seine Überlegungen als Grundlage, um vorhandene Gedankengänge fortzuführen oder auch neue zu entwickeln.

So ist Kant z.B. auch schon der Meinung, dass wir nicht in der Lage sind, die Wirklichkeit zu erkennen; von den Radikalen Konstruktivisten wird aber in dieser Hinsicht immer wieder betont, dass Kant trotz dieser Feststellung noch immer mehr oder weniger mit der alten Auffassung von Wirklichkeit operiere. Insofern erkennen sie seine Arbeiten zwar an, distanzieren sich aber auch gleichzeitig von ihm, denn ihre Wirklichkeitsauffassung ist eine andere. Auch in diesem Punkt lässt sich also kein „Gedankenklau“ nachweisen.

Nun sollte deutlich geworden sein, dass beide Theorien zwar ähnliche Wurzeln und z.T. auch ähnliche Ansichten haben, in ihrer Ausdifferenzierung aber verschieden sind.

Beide zwingen uns dazu, über unser Erleben und über unsere Wissensaneignung nachzudenken. Ihre Folgerungen, wie wir aufgrund dieser Erkenntnisse dann zu handeln haben, sind nicht unbedingt die gleichen, sie eröffnen aber auf jeden Fall neue Denkstrukturen, da sie versuchen, sich von den meisten alten Erkenntnismodellen zu lösen.

Literaturverzeichnis

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- Watzlawick, P., Kreuzer, F. (2001). Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit (8. Aufl.). München: Piper.

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1 Niemann, H.J. Das Niemann Web (www. Kritischer-Rationalismus .de). [http://hans- joachim.niemann.bei.t-online.de/kursus/kurs.htm, gefunden am 16.11.2001]

2 Zu dem Begriff „Theorien“ soll an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass dieser im Zusammenhang mit Kritischem Rationalismus und Radikalem Konstruktivismus eigentlich eher nicht angebracht ist, denn in der Literatur wird immer wieder betont, dass in beiden Fällen eigentlich nicht von einer einheitlichen Theorie gesprochen werden kann.Dennoch werde ich diesen Ausdruck der Einfachheit halber hin und wieder verwenden. Er möge dann als Synonym für „Vorstellung“ oder „Auffassung“ verstanden werden.

3 vgl. König, E., Zedler, P. (1998). Theorien der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Beltz. S.225.

4 Connection - das Magazin fürs Wesentliche. (2001). Die Ethik der Ichlosigkeit. http://www.connection-medien.de/magazin/sep01/varela.htm, gefunden am 16.11.2001.

5vgl. Beats Biblionetz. (2001).[http://www.oms.ethz.ch/personal/doebeli/private/thinking/p00019.html, gefunden am 16.11.2001].

6 vgl. Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.). (1997). Autorenverzeichnis. In Einführung in den Konstruktivismus (3. Aufl.). Müchnen, Zürich: Piper. S. 182.

7 von Foerster, H.. Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In Watzlawick, P. (Hrsg.).(2001). Die erfundene Wirklichkeit (13. Aufl.). München: Piper. S. 40.

8 König, E., Zedler, P., 1998, S.227.

9 von Glasersfeld, E.. Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Watzlawick, P. (Hrsg.).(2001).Die erfundene Wirklichkeit (13. Aufl.). München: Piper. S.17.

10 von Foerster, H. in Watzlawick, P. (Hrsg.), 2001, S.58.

11 Diesbergen, C. (1998). Radikal- konstruktivistische Pädagogik als problematische Konstruktion . Eine Studie zum Radikalen Konstruktivismus und seiner Anwendung in der Pädagogik. Bern, Berlin, Frankfurt/M., New York, Paris, Wien: Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften. S.28.

12 Schmidt, S. J.. Der Radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs. In Schmidt, S., J. (Hrsg.). (1994). Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus (6.Aufl.). Frankfurt/M.: Suhrkamp. S.15.

13 Niemann, Hans- Joachim. (1996). Das Niemann Web (www. Kritischer-Rationalismus .de). [http://hans- joachim.niemann.bei.t-online.de/index.htm, gefunden am 13.11.2001]

14 König, E., Zedler, P., 1998, S.45.

15Popper, K. R. (1973). Logik der Forschung (5. Aufl.). Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). S.3.

16 vgl. Albert, H.. Kritischer Rationalismus. In Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.). (1989). Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München: Ehrenwirth Verlag. S.177.

17 Albert, H. in Seiffert, H./Radnitzky, G. (Hrsg.), 1989, S.180.

18 Popper, 1973, S.3.

19 Popper, 1973, S.8.

20 Niemann, Hans- Joachim (1996). Das Niemann Web (www. Kritischer-Rationalismus .de). http://hans- joachim.niemann.bei.t-online.de/Popper/popper.htm, gefunden am 13.11.2001.

21 Niemann, Hans- Joachim, 1996.

22 Niemann, Hans- Joachim, 1996.

23 König, E., Zedler, P., 1998, S.49

24 Popper, 1973, S.69

25 Prim, R., Tilman, H. (2000). Grundlagen einer kritisch- rationalen Sozialwissenschaft (8. Aufl.). Wiebelsheim: Quelle und Meyer. S.94.

26 Prim, R., Tilman, H., 2000, S.98

27 vgl. Watzlawick, P.. Wirklichkeitsanpassung oder angepasste „Wirklichkeit“. Konstruktivismus und Psychotherapie. In Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.). (1997). Einführung in den Konstruktivismus (3. Aufl.). München: Piper. S.91f.

28 „Brauchbar` oder `viabel` aber nennen wir in diesem Zusammenhang eine Handlungs- oder

Denkweise, die an alten Hindernissen vorbei (...) zum erwünschten Ziel führt. (v. Glasersfeld, E..

Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.). (1997). Einführung in den Konstruktivismus (3. Aufl.). München: Piper. S.30).

29 Watzlawick, P. in Gumin, H., Meier,H., 1997, S. 94.

30 Prim, R., Tilmann, H., 2000, S.32.

31 Prim, R., Tilmann, H., 2000, S.33.

32 Watzlawick, P., Kreuzer, F. (2001). Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit (8. Aufl.). München: Piper. S.27f.

33 von Glasersfeld, E.. Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.). (1997). Einführung in den Konstruktivismus (3. Aufl.). München: Piper. S. 31.

34 von Glasersfeld, E. in Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.), 1997, S.30.

35 von Glasersfeld, E. in Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.), 1997, S.32.

36 von Glasersfeld, E. in Gumin, H., Meier, H. (Hrsg.), 1997, S.34.

37 Prim, R., Tilmann, H., 2000, S.11 .

38 Andersson, G.. Wahr und falsch: Wahrheit. In Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.).(1989). Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München: Ehrenwirth Verlag. S.369.

39v. Glasersfeld, E. in Watzlawick, P. (Hrsg.), 2001, S.28.

40 v. Glasersfeld, E. in Watzlawick, P. (Hrsg.), 2001, S.28.

41 Watzlawick, P. in Gumin, H., Meier, H., 1997, S.99f.

42 Andersson, G. in: Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.), 1989, S.370.

43 Prim, R., Tilman, H., 2000, S.9.

44 Andersson, G., in Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.), 1989, S.370.

45 v. Glasersfeld, E. in Watzlawick, P., 2001, S.30.

46 v. Glasersfeld, E. in Watzlawick, P., 2001, S.30

47 Albert,H. in Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.), 1989, S.181.

48 Albert,H. in Seiffert, H., Radnitzky, G. (Hrsg.), 1989, S.180.

49 Prim,R., Tilman, H., 2000, S.9.

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